Der Tag...
Solstitium – Sonnenwende, hat in Geschichte und Kultur der Menschen zahllose Spuren hinterlassen. Aber selbst ohne mystischen Anklänge, auch mich berührt dieses Datum, denn nun wird die Dunkelheit wieder zurückgedrängt, das Licht gewinnt die Oberhand - bis zum nächsten Wechsel.
Ein im wahrsten Sinne des Wortes natürlicher Abschluss des Jahres also. Und damit fast zwangsläufig ein Tag um in die Veränderungen hineinzuspüren, die das letzte Jahr geprägt haben und in die, die vielleicht kommen?
So ein Tag, solch eine Stimmung, das verlangt sicherlich nach Stille, aber auch nach einem Abschluss, der einen Kontrapunkt zu anderen Tagen setzt. Warum nicht beides verbinden? Warum nicht an einem der für mich magischen Orte der Pfalz das Jahr verabschieden und dort Zeit für Reflexion finden?
Und welcher Ort könnte da besser geeignet sein als die Klippe des Rötzenfels?

Der Weg …
Die Wettervorhersage ist seit Tagen stabil. Ein wenig das gleiche Trauerspiel, wie an so vielen Jahren hier in unserer Region in der Zeit vor Weihnachten.
Kein spannender Schnee, keine strahlende Sonne – stattdessen Regenwetter, bedeckter Himmel. Langweilig?
Was kann ich von so einem Tag erwarten – lohnt es überhaupt sich auf den Weg zu machen, nur um dann im Regen ein wenig zu frösteln und im grauen Nebel ins Nichts zu schauen? Auf Tage keine Besserung in Sicht, ich sollte mir das Unterfangen aus dem Kopf schlagen!
Aber hat es nicht auch etwas befreiendes solche Gedanken zur Seite zu schieben und sich einfach in das Unbekannte – Unveränderliche fallen zu lassen? Am Ende weiß man trotz aller Wahrscheinlichkeiten nie, wie es kommt. Und auch Regen kann seinen Zauber haben – wenn es nur gelingt anders gelagerte Erwartungen im Zaum zu halten…
Das Abwägen hat ein Ende, mein Vorhaben nimmt doch noch Gestalt an.
Regen begleitet die Fahrt Richtung Landau. Aus dem Auto in den Matsch und in den Wald hinein – der Regen hört auf. Kein Schnee, aber das Meer der triefenden Herbst-Blätter unter den Schuhen und die nassen Wurzeln lassen mich alle paar Meter rutschen. Eis wäre vorhersehbarer. Einen Rückweg im Dunkeln sollte ich da besser vermeiden…
Der kurze, aber spürbar nach oben strebende Pfad, entlang der wie immer etwas unheimlich den Weg begleitenden Iselmannsteine, führt in den Nebel und in ein trübes Licht. Was wird oben auf dem Rötzenberg auf mich warten?
Egal, ich konzentriere mich auf meine Umgebung, auf das Jetzt. Die Nässe färbt trotz des fahlen Lichtes die schon winterliche Natur – Farben, die ich gar nicht erwartet habe, das Zwiespiel zwischen Herbst und Winter findet seine Fortsetzung.
Auf der Klippe – weites Land, wilder Himmel…
Von der Kuppe des Rötzenberges sind es nur noch einige wenige hundert Meter leicht bergab bis zur Klippe. Wie immer bin ich gespannt auf das, was mich dort erwarten wird. Gerade heute.
Zwischen den Baumstämmen erhasche ich schon einen Blick auf das weite Land, das sich unter der Klippe des Rötzenfels zum Horizont erstreckt. Die Regenwolken haben sich gehoben, kein Nebel – dafür steigt die Feuchte in vielfältiger Form aus dem Wald in den Himmel. Keine Sekunde gleicht der vorherigen, alles im Fluss, der Atem der Bäume schreibt seine Zeichen in die Luft. Jetzt bin ich noch unruhiger, möchte endlich einen freien Blick haben…
… und werde nicht enttäuscht. Es war gut mich nicht vom Wetter aufhalten zu lassen. Und es war gut an meiner Gewohnheit festzuhalten und die Kamera mitzunehmen, obwohl ich bei diesem tristen Wetter überhaupt nicht erwartet hatte Gelegenheit für Bilder zu finden. 
Vor mir öffnet sich der Blick vom Rötzenfels nach Westen. In der Mitte thront die Ruine der Lindelbrunn, Wellen bewaldeter Hügel rollen zum Horizont. Der Wald dampft, der Himmel strömt und wühlt.

Veränderung, Bewegung wohin das Auge schaut. Alles im Fluss, was ist ein blauer Himmel dagegen? Was würde ich sehen ohne Regen, ohne Wolken?
Diese Dramatik und Energie. Aus einer Szene werden in jeder Sekunde hundert neue geboren.
Die alte Lindelbrunn ist mittendrin in diesem Wirbel der Elemente, die um ihre brüchigen Mauern tanzen.
Und über allem liegt – Stille.
Nur das Geräusch des Windes, der hier oben meist etwas kräftiger bläst und der die Bäume in Bewegung setzt, legt sich als Hintergrund über diese Stille. Mal verstummt er, mal packt er zu. Aber egal, ob er flüstert oder randaliert - kein anderer Laut ist zu hören, das sonst allgegenwärtige Geräusch der Zivilisation ist hier verschwunden.  
Keine Häuser, keine Straßen sind zu sehen, nur Natur bis zum Horizont.
Ein Mensch wird klein an diesem Ort, die Natur sieht ihn nicht, braucht ihn nicht in ihrem Vorwärtsschreiten, in ihrer Beschäftigung mit sich selbst.
Es ist gut hier zu sein, gerade an diesem Tag, denn solche Momente und Orte sind in diesem dicht besiedelten Land selten geworden.

Feuer-Atem… 
So wie das Jahr nicht stetig war, so will auch der Tag der Sonnenwende am Rötzenfels nicht stetig bleiben. Und fast, als würde das Licht der Dunkelheit schon einmal zeigen wollen, wie es sich in den kommenden Monaten von Tag zu Tag immer mehr Raum erobern wird, so entzündet es nun ein Feuerwerk, das mir den Atem rauben wird.
Am Horizont hinter der Lindelbrunn wird die Wolkenschicht dünner. Ein kleiner Spalt zerreißt das fliegende Dunkel, wird größer und öffnet unerwartet einen neuen Weg – für das Licht, der an diesem Tag bis dahin so völlig versteckten Sonne.  
Dort wo sich die Sonnen-Strahlen ihren Weg gebahnt haben und auf den Atem des Waldes treffen ist es, als würde eine Fackel auf Öl geworfen.
Flammen schießen in den Himmel hinauf, der Hauch der Bäume entzündet sich schlängelnd im Licht. Zunächst ist es nur fern, dann jedoch nähert sich das Feuer der Lindelbrunn und umschließt sie.
Ein grandioses Schauspiel für alle, die - ohne Erwartungen - den Weg in den Nebel und Regen auf sich genommen haben.

Abschiedskonzert…
Wie konnte es an diesem Tag anders sein?
Auch das Licht-Feuer Spektakel hat seine Zeit, die dann schneller vorbei ist, als ich es mir gewünscht habe.
Die Veränderung bleibt allein sich selbst treu.
Jetzt bäumt sich die Dunkelheit noch einmal auf und will ihre Macht zeigen. Die Öffnung in den Wolken schließt sich so plötzlich, wie sie aufgetaucht war und an ihre Stelle schieben sich Regenwolken vom Horizont heran. 
Zusammen mit der näher rückenden Dämmerung verändert sich die Farbe des Lichtes. Die blaue Stunde bereitet sich auf ihren Auftritt vor.
Der Tag gibt sich widerwillig geschlagen, zieht sich in kleinen Schritten zurück, wohl wissend - morgen wird wieder seine Stunde kommen. Aber für heute wird er gegen die anrückende Nacht und die dichten Regenwolken keine Chance mehr bekommen.

Die Stille ist immer noch überall um mich herum – aber mit dem näher kommenden Regen spendiert mir die Natur nach dem Feuerwerk noch ein Abschlusskonzert.
Langsam fängt das Orchester mit seinem Werk an. Zunächst nur ein Ton – ein Tropfen hier und da, so als würden noch einige Instrumente gestimmt werden müssen, doch nach einiger Zeit kommen immer mehr Elemente dazu. Der Grund-Rhythmus des Regens, der auf die Blätter weit unter mir fällt – jeder einzelne Tropfen als Teil eines Klangteppichs – und doch für sich unterscheidbar gewinnt immer mehr an Dynamik. Dann ab und an ein Crescendo, als der Wind wieder auffrischt und die Bäume zum Schwingen und Klingen bringt.  
Und nun noch der Solist. Ein Wanderfalke pflügt seinen Weg durch den Regen, er umkreist einige Zeit die Felsklippe des Rötzenfels mit seinen Rufen und zieht dann irgendwann seine Bahn ins dunkler werdende Blau.
Lange noch stehe ich dort im Regen und lausche dieser Komposition der Natur. Nun ist alles zur Ruhe gekommen, die Welt ist eingehüllt in das sanfte, gleichmäßige Rauschen des Regens.
Der Tag der Winter-Sonnenwende 2012 hat mir eine Nachricht für das neue Jahr mitgegeben...
Das war 2012... 
Dieser Ort hat es wohl an sich, dass er an besonderen Tagen eine außergewöhnliche Stimmung zaubert. Daher im Anschluss noch ein paar Impressionen vom Tag der Winter-Sonnenwende 2015.

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